
Ein Mann liegt beim Zahnarzt auf dem Behandlungsstuhl und wird plötzlich geschäftsunfähig. Der Zahnarzt verkauft ihm einen Porsche. Der Porsche wird neu lackiert. Und nun arbeiten Sie bitte alle denkbaren Probleme ab. Es sind genau solche Klausurfälle, die jeder aus dem Jurastudium kennt.
Ich habe hunderte davon gelöst. Anspruch geprüft, Schema abgearbeitet, Gutachten geschrieben – und dabei immer öfter gemerkt, dass mich die eigentliche Klausurfrage kalt ließ. Was mich nicht losließ, waren die Fragen, die im Gutachten nie vorkamen: Warum gibt es dieses Gesetz überhaupt? Was macht es mit der Gesellschaft? Und was passiert mit einem Rechtssystem, wenn sich die Welt um es herum schneller verändert als seine Paragraphen? Lange hielt ich diese Unruhe für einen Makel – für ein Zeichen, dass ich vielleicht nicht zum Juristen tauge. Heute weiß ich: Ich habe nach etwas gesucht, das es im Jurastudium damals schlicht nicht gab.Gefunden habe ich es schließlich – nur nicht im Hörsaal, nicht in der Bibliothek und nicht in einer Kanzlei. Sondern an einem Ort, an dem sich damals kein Jurist blicken ließ.
Wo über die Zukunft ernsthaft diskutiert wurde
Vor einigen Jahren stieß ich über einen Freund auf zwei eng miteinander verbundene Communities.
Die erste, und für mich prägendste, war der Rationalismus rund um das Forum LessWrong: eine Bewegung, die sich dem klaren Denken verschrieben hat – dem systematischen Erkennen eigener Denkfehler und der Bereitschaft, auch unbequeme Ideen konsequent zu Ende zu denken. Diskutiert wurde selten emotional und fast immer rational – gesucht wurde der Punkt, an dem eine Meinungsverschiedenheit wirklich hängt.
Die zweite war der Effective Altruism, der eine verwandte Frage stellt: Wie bewirkt man mit begrenzten Mitteln möglichst viel Gutes – nicht gefühlt, sondern belegbar?
Was ich dort fand, war kein Smalltalk über Zukunftstrends. Es wurde argumentiert, mit Quellen, Wahrscheinlichkeiten und Gegenargumenten – über die Risiken eines Atomkriegs, über Moralphilosophie, über Biosicherheit. Und vor allem: über künstliche Intelligenz, Jahre bevor sie Schlagzeilen machte.
Während im juristischen Umfeld niemand das Wort auch nur in den Mund nahm, wurden dort bereits die Folgen dieser Technologie strukturiert durchdacht. Als ChatGPT erschien, war das für mich deshalb keine Überraschung, sondern die Bestätigung einer Entwicklung, die ich seit Jahren verfolgt hatte. Am meisten beeindruckt hat mich aber die Haltung dahinter: die eigene Meinung nicht zu verteidigen, sondern zu prüfen – und sie zu ändern, wenn die Argumente es verlangen.
Diese Haltung habe ich mitgenommen: in Systemen statt in Einzelfällen zu denken. In langen Zeiträumen statt im nächsten Quartal. In Wirkung statt in Absicht. Diese Brille richtete ich dann auf das Recht.
Über die Ränder des eigenen Fachs
Genau das hat mich zu Legal Tech, der Schnittstelle von Recht und Technologie, gebracht. Die spannendsten Fragen liegen für mich nicht im Kern eines Fachs, sondern an seinen Rändern. Dort, wo Jura auf Informatik trifft. Philosophie auf Ökonomie. Technik auf Gesellschaft.
Ich bin überzeugt: Wir stehen am Beginn einer technologischen Revolution – einer Umwälzung, wie sie ein Berufsleben vielleicht einmal erlebt. Künstliche Intelligenz wird verändern, wie juristische Arbeit gemacht, bewertet und bezahlt wird. Nicht irgendwann, sondern jetzt, während ich das hier schreibe. Diese Umwälzung erfasst die ganze Gesellschaft – beängstigend finde ich sie ausgerechnet im Recht nicht. Anwälte einer Großkanzlei haben mir erzählt, sie hätten Angst, arbeitslos zu werden. Das ist verständlich, wenn jemand sich durch zwei Staatsexamina gekämpft hat und oben angekommen ist – aber Wandel wirkt immer bedrohlich, und dieser hier wird den Beruf, glaube ich, eher aufteilen als abschaffen: auf der einen Seite Legal-Tech-Juristen, die Daten managen, Systeme aufbauen und die KI verstehen – als Brücke zwischen IT und Recht. Auf der anderen der klassische Jurist, der die Fehler der KI aufdeckt, der argumentiert, der David gegen den Goliath KI spielt – bis hin zu Verfahren, in denen sich große KI-Konzerne für algorithmische Diskriminierung verantworten müssen. Gebraucht werden beide.
Heute begleite ich Kanzleien durch ihre KI-Transformation und baue selbst die Werkzeuge dafür – in einer Welt, in der die abstrakten Fragen von früher sehr konkret geworden sind. Mir begegnet dabei alles: Angst, Neugier, Unverständnis, Gleichgültigkeit. Mein Kompass ist der Glaube an die Zukunft – und die Freude an einem Feld, in dem ich alles einbringen kann: Jura, Programmieren, Projektmanagement, Marketing, Kreativität.
Was das praktisch heißt und warum die klassische Kanzlei gerade unter Druck gerät und was davon bleibt, davon erzähle ich im nächsten Beitrag.
Quellen:
„In CTOs We Trust: Legal AI’s Challenge is Confidence at Scale“, Artificial Lawyer, 3.6.2026; „Crosby Starts Contract Benchmark, Launches Agent Research Group“, Artificial Lawyer, 17.6.2026; Werner Thienemann, „Kanzleien und Künstliche Intelligenz: Warum die Billables trotz KI nicht weniger werden“, Legal Tribune Online, 10.7.2026; Branchendaten zu Rechtskosten und Effizienz: Association of Corporate Counsel (ACC) / Everlaw, „The Role of Generative AI in Proving Corporate Law Department Value“, 17.11.2025 (acc.com/resource-library/role-generative-ai-proving-corporate-law-department-value). Zu den zitierten Studien: Tack et al., „LLMs Get Lost in Evolving User Intent“, arXiv:2607.20734; Faghih et al., „Same Question, Different Answers“, arXiv:2607.22554; Yu et al., „Operational Hallucination and Safety Drift in AI Agents“, arXiv:2607.18366; Sinha et al., „Human-on-the-Loop Orchestration for AI-Assisted Legal Discovery“, arXiv:2606.19812; Teo et al., „AI Assistants Overassist“, arXiv:2607.21306; Shelby, „The AI Resilience Gap“, arXiv:2607.07359 (alle 2026).

Tobias Huck
Tobias Huck studiert im Master Legal Tech und arbeitet in einem auf KI-Transformation spezialisierten Legal-Tech-Unternehmen, wo er Kanzleien durch ihren Wandel begleitet – vom organisatorischen Umbau bis zu eigenen KI-Werkzeugen. Schon früh beschäftigte er sich mit den gesellschaftlichen Folgen künstlicher Intelligenz. Für das Legal Tech Lab Cologne (LTLC) schreibt er über die Schnittstelle von Recht, Technologie und Zukunft.
