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TalkingLegalTech: Was ist Legal Tech?

“Make Change Happen” war das Motto des vierten Anwaltszukunftskongresses am 10. und 11. Oktober 2019 in Köln.

TalkingLegalTech, der Podcast des Legal Tech Lab Cologne, war auf der Suche nach einer Antwort auf diese Frage. Im Interview mit Nico Kuhlmann beim Anwaltszukunftskongress 2019 wurden wir fündig.

Zu Gast bei TalkingLegalTech:    Nico Kuhlmann

Mehr noch: Wusstet Ihr, dass sich aus der Analyse der Verkaufsstrategien von Bohrmaschinenherstellern eine ganze Menge über die digitale Transformation des Rechts lernen lässt? Das und vieles Mehr erfahrt Ihr in der ersten Folge von TalkingLegalTech auf Spotify, iTunes, SoundCloud oder hier auf unserer Website.

Du hast gerade wenig Zeit oder ausnahmsweise keine Lust auf ein akustisches Legal Tech – Erlebnis? Hier gibt es einen kurzen Auszug des Interviews mit Nico Kuhlmann. Die Anekdote mit der Bohrmaschine und andere vielfältige Beispiele erfährst Du jedoch nicht hier, sondern ausschließlich im Podcast.

Das Interview führten Felipe Molina und Philipp Henkes.

Herzlich Willkommen Nico Kuhlmann. Schön, dass du da bist. Wer bist du, was machst du und was hast du mit Legal Tech zu tun?

Herzlichen Dank für die Einladung, ich freue mich sehr hier zu sein. Ich bin Anwalt. Ich habe ganz klassisch Jura studiert. Mein erstes Staatsexamen habe ich in Bayern und mein zweites Examen in Hamburg gemacht. Dazu kamen dann noch diverse Auslandsstationen. Jetzt bin ich als Associate bei der Kanzlei Hogan Lovells tätig und darf mich dort um verschiedene Aspekte des Markenrechts kümmern. Aber deswegen sitze ich heute nicht hier.

Ich sitze hier, weil ich noch eine zweite Leidenschaft habe: Das ist das, was wir in Deutschland seit einigen Jahren unter dem Begriff Legal Tech diskutieren. Damit habe ich mich bereits als Student, Referendar und als Doktorand beschäftigt. Und jetzt ist Legal Tech tatsächlich auch Teil meiner Jobbeschreibung. Also ich bin nicht nur Anwalt, sondern habe nebenbei auch Zeit mich um diverse Innovationsprojekte zu kümmern, die verschiedene Aspekte von Legal Tech berühren.

Was ist denn eigentlich dieses Legal Tech? Wir wollen keine Wikipedia Definitionen abarbeiten, sondern uns interessiert: Was versteht Nico Kuhlmann unter dem Begriff Legal Tech? 

Das ist eine sehr gute Frage. Eine, gerade am Anfang sehr wichtige, aber zugleich schwierige Frage. Ich habe wahrscheinlich keine druckreife Antwort für euch. Bei Wikipedia steht glaube ich irgendetwas von der Automatisierung juristischer Prozesse. Das ist auch nicht völlig falsch.
Ich verwende diese Definition nicht. Wenn ich Gastvorträge halte, verwende ich immer zwei Definitionen.
Die erste Definition lautet: Legal Tech umfasst die Nutzbarmachung von Technologie für die Befriedigung von verschiedenen rechtlichen Bedürfnissen.

Wo liegt der Unterschied? Der Unterschied ist, dass ich mir nach der Definition von Wikipedia nur den status quo angucke. Also ich frage mich nur: Was ist der Prozess heute und wie kann ich diesen in all seinen Aspekten digital abbilden? Anders nach meinem Verständnis. Ich frage nach dem zu befriedigenden Bedürfnis: Was ist das Ziel meiner Tätigkeit und wo möchte ich hin? Warum ist der Mandant eigentlich bei mir und was ist das gewünschte Ergebnis?
Nun, wenn ich dann zum gleichen Ergebnis über einen anderen Prozess komme, der digital ganz anders gestaltet ist, der aber vielleicht schneller, günstiger oder sogar qualitativ besser ist, dann ist das etwas, was viele Leute nicht im Blick haben.
Eine andere Definition, die ich verwende ist Legal Tech als Oberbegriff für die digitale Transformation des Rechts.

Wenn wir uns diese Definitionen näher anschauen: Lässt sich Legal Tech möglicherweise in verschiedene Anwendungsfelder einteilen? Hättest du dazu jeweils auch noch einige Beispiele für uns? 

Legal Tech ist ein sehr breiter und unbestimmter Bereich. Es wird einem Juristen wohl nicht leicht fallen, unter die beiden genannten Definitionen zu subsumieren.

Als erstes ist es sinnvoll, sich zu überlegen, wer eigentlich der Adressat von Legal Tech ist.
Das können zum einen professionelle Juristen, also Anwälte und Unternehmensjuristen sowie Richter sein, die bestimmte Software Tools für ihre tägliche Arbeit nutzen, um das, was sie tun, besser, schneller und effizienter zu machen. Das könnte man als Legal Tech für Juristen bezeichnen.

Demgegenüber gibt es aber auch ganz viele Anwendungen, die sich direkt an die Bürger da draußen wenden und denen, teilweise unter Umgehung traditioneller Organe der Rechtspflege, für ihre Alltagsprobleme irgendeine Art von Hilfe zukommen lassen. Das könnte man als Legal Tech für nichtjuristische Endnutzer beschreiben. Teilweise gibt es zwischen diesen beiden Adressatengruppen Überschneidungen, aber ich glaube diese erste Einteilung ist für die Diskussion über Legal Tech ganz wichtig.


Du möchtest dich näher mit Legal Tech beschäftigen? Du weißt aber einfach nicht, wo du anfangen sollst? Kein Grund zur Sorge: Nico Kuhlmann gab uns am Ende des Podcasts noch seine persönlichen Empfehlungen für einen gelungenen Einstieg in das Thema Legal Tech mit.
Hör doch mal rein! 


Dann kann man einen Schritt weiter gehen und sich fragen: Was passiert eigentlich gerade in Form der digitalen Transformation? Man stellt relativ schnell fest, dass die Digitalisierung auf drei Ebenen stattfindet.
Die erste Ebene ist die Ebene Mensch und Maschine. Sie beinhaltet letztlich die Frage, welche Teilaspekte einer Arbeit sollte der Mensch und welche Teilaspekte einer Arbeit sollte die Maschine machen. Das ist keine absolute Frage, die eine bestimmte Arbeit nur dem Menschen oder nur der Maschine zuweist. Die richtige Frage ist, wie kann man ein Gesamtproblem so in Einzelteile zerlegen, dass man sie demjenigen zuordnet, der für ihre Lösung am besten geeignet ist.

Ein einfaches Beispiel aus der juristischen Welt: Die Software, mit der viele Steuerpflichtige am Ende des Jahres ihre Einkommensteuererklärung erstellen. Da haben sich Steuerrechtsexperten vorher überlegt, welche Fragen man stellen muss und die entsprechenden Antworten wiederum mit neuen Fragen verknüpft. Zum Schluss drückt man auf einen Knopf und die eigene Einkommensteuererklärung kommt heraus. Das ist seit Jahren Standard. Ich bin selbst ein Nutzer solcher Softwareprodukte. Das funktioniert super. Ich muss nicht zum Steuerberater gehen. Meine Einkommenssteuererklärung kann ich sonntags auf der Couch selbst machen. Das geht schnell und ist relativ einfach.

Es gibt ähnliche Modelle für BAföG und Elterngeld, über die auch hier beim Anwaltszukunftskongress 2019 gesprochen wurde… 

Genau. Man kann solche Systeme theoretisch für jede Rechtsfrage der Welt bauen. Man muss sich jedoch bewusst machen, dass solche Systeme auch immer ihre Grenzen haben. Eine solche Software kann nur die Fragen stellen, die vorher hinterlegt wurden. Ich kann, als Anwalt, Nachfragen stellen, wenn mir irgendetwas unklar ist oder nochmal gezielt nachhaken, wenn mir die Aussage meines Gegenübers lückenhaft erscheint. Der Computer kann nur das verarbeiten, was eingegeben wird. Der Computer ist nicht sehr gut darin, Inkohärenzen festzustellen. Aber offensichtlich sind besagte Systeme auch sehr erfolgreich: Viele Deutsche machen mit diesen Programmen ihre Steuererklärungen.

Die zweite Ebene bezieht sich auf den Einsatz von Plattformen und den Umlauf von Waren bzw. Dienstleistungen. Bisher war es eigentlich immer so, dass alles, was wir in der Marktwirtschaft verkauft haben, eine Ware oder eine Dienstleistung war. Das hat sich mit der Herausbildung der Plattformökonomie verändert. Ihr bekanntester Vertreter ist wahrscheinlich Amazon. Dieses Modell der Plattformökonomie kann man auch auf den Anwaltsmarkt übertragen. Also ein „Amazon für Anwälte“. Es gibt da bereits verschiedene Versuche, sowohl in Deutschland als auch im europäischen und außereuropäischen Ausland. Aber das bleibt noch abzuwarten. Ich habe da ein, zwei deutsche Unternehmen auf dem Radar, die stetig wachsen und die das möglicherweise realisieren können.

Die dritte Ebene ist letztlich „core and crowd“. Bisher war es immer so, dass die Unternehmen, die die besten Experten und die besten Wissenschaftler und Forscher hatten, aus diesem sog. „core knowledge“ sehr gute Produkte und Dienstleistungen generieren. In der digitalen Welt von heute sind wir alle vernetzt. Es gibt immer mehr Modelle, mit denen man, ohne Rückgriff auf Experten, schlicht das Wissen der „crowd“ anzapft. Das bekannteste Beispiel ist wohl Wikipedia. Wikipedia ist ähnlich gelagerten Wissensplattformen nicht deshalb überlegen, weil es die seriösesten Autoren hat oder die besten Fußnoten setzen kann. Wikipedia ist anderen Plattformen überlegen, weil es seine Macher geschafft haben, das Wissen der „crowd“ anzuzapfen und es in ordentliche Strukturen zu gießen. Das hat dazu geführt, dass wir einen stets verfügbaren, großen Wissensschatz haben, der unglaublich aktuell ist. Auch das lässt sich auf den juristischen Bereich übertragen.

Kannst du die Ängste unserer Hörerinnen und Hörern vor den Veränderungen, die Legal Tech mit sich bringt, nachvollziehen? 

Ich kann jeden verstehen, der bei Veränderungen zurückhaltend ist. Man weiß nicht genau, was Veränderung bedeutet und wo Veränderung endet. Allerdings glaube ich, dass die digitale Transformation des Rechts ein unglaubliches Potential hat, sowohl unsere Arbeit zu verbessern als auch das zu verbessern, was dann bei den Mandanten sowie den Bürgerinnen und Bürgern ankommt.

Vielen Dank für das interessante Gespräch. Wir wünschen dir noch viel Spaß auf dem Anwaltszukunftskongress 2019.


 

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