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TalkingLegalTech: Die Kanzlei der Zukunft

Im zweiten Teil des TalkingLegalTech-Specials mit Markus Hartung geht es um sein neues Projekt Chevalier.
Was macht Chevalier? Wie entstand die Idee einer Legal Tech-Kanzlei für Arbeitnehmer? Wie bildet man die Bedürfnisse von MandantInnen in einer Kanzlei ab?


Und welches Gefühl muss ein/e MandantIn nach der Beratung haben? All das erfährst Du in der achten Folge von TalkingLegalTech, dem Podcast aus dem Legal Tech Lab Cologne, präsentiert von Wolters Kluwer Deutschland.

Hier folgt, als eine Kostprobe für unsere Leser, ein Auszug des Gesprächs mit Markus Hartung.

 

Das Interview führten Felipe Molina und Philipp Henkes.

 

Hallo Herr Hartung. Im zweiten Teil unseres Interviews wollen wir über ein konkretes Projekt von Ihnen sprechen. Sie haben gemeinsam mit den Flightright-Gründern eine neuartige Kanzlei eröffnet?

Es geht um Chevalier. Eine Kanzlei, die nur Arbeitsrecht macht und ausschließlich Arbeitnehmer berät. Wir vertreten keine Arbeitgeber, mögen sie auch noch so nett sein. Der Flightright-Gründer, Philipp Kadelbach, und ich kennen uns gut. Wir fragten uns, ob sich seine Erfahrungen mit Flightright auf andere Bereiche übertragen lassen. Dabei fiel unser Blick auf das Arbeitsrecht. So gibt es eine bestimmte Phase der arbeitsrechtlichen Beratung, die sich einigermaßen gut standardisieren lässt. Das ist der Zeitraum zwischen der Erteilung der Kündigung und der Güteverhandlung.

Unsere erste Überlegung war: Wie kann man das aufbauen? Sehr schnell gewannen wir die Erkenntnis, dass wir eine neuartige Kanzlei nur aufbauen können, indem wir vom Mandanten her kommen. Wir wollten aus dessen Erfahrungen heraus eine Kanzlei gestalten. Das sieht so aus, dass eine Kanzlei – gerade im Bereich des Arbeitsrechts – tatsächlich verfügbar und erreichbar sein muss. Bei uns haben die Anwälte den Charme, dass sie sich nur mit Jura beschäftigen müssen. Sie müssen keine Geschäftsentwicklungsseminare besuchen, sondern kümmern sich tatsächlich nur um die Fälle.

Ich beschreibe Ihnen mal unsere Beratungspraxis. Wenn ein/e MandantIn zu Beginn eines Verfahrens anruft, dann hat er/sie immer viele Fragen: Wie läuft das Verfahren? Was kann ich tun, wenn mir gekündigt wurde? Alle diese Informationen decken wir ab. Jedoch nicht unmittelbar durch den mandatierten Rechtsanwalt, sondern durch unseren Telefonservice. Dieser ist besetzt mit Personen, die Juristen sind, aber vielleicht nicht notwendigerweise Anwälte. Ihre Tätigkeit ist auch noch keine anwaltliche Arbeit. Sie ist eine Information über das, was in einem arbeitsrechtlichen Verfahren passiert. Der Telefonservice nimmt die Falldaten auf. In diesem Zusammenhang kann der Mandant auch seine ganzen Emotionen “abladen”. Gerade für Letzteres besteht ein großes Bedürfnis. Ein Bedürfnis, das auch nicht mit einer technischen Anwendung abgefangen werden kann. Wir haben Mitarbeiter, die von von 8 – 19 Uhr am Telefon sitzen und für unsere Mandanten erreichbar sind. Das heißt, die Kritik von vielen Mandanten, dass der Anwalt zwar fachlich gut, aber nie erreichbar ist, kann hier bereits nicht aufkommen. Der Telefonservice begleitet die Mandanten während des Verfahrens und erfragt einen passenden Termin für das Gespräch mit dem Anwalt, der die Mandanten dann anruft. Über die Software im Hintergrund hat der Anwalt die vom Telefonservice aufgenommenen Falldaten bereits auf seinem Bildschirm. Die Darstellung der Falldaten ist dabei so strukturiert, dass er auf einen Blick erfassen kann, worum es geht. Dann werden bestimmte Fragen nochmal gestellt, also etwa, ob jemand eine Abfindung erhalten möchte oder ob er seinen Arbeitsplatz behalten will. Danach wird die Sache juristisch diskutiert, der Anwalt arbeitet weiter und die Betreuung des Mandanten findet wieder durch den Telefonservice statt. Das heißt auch, dass wir es einem guten Anwalt nicht zumuten, jedes Mal aufs Neue zu erklären, wie ein Kündigungsschutzprozess abläuft. Wir trennen die Kommunikation und die Betreuung des Mandanten von der eigentlichen juristischen Arbeit. Und wir merken: Das läuft gut.

Wie ist die Resonanz der Mandanten?

Das kann man bei uns auf der Homepage nachlesen. Wir lassen uns natürlich testen und bewerten. Die kommen nicht zu uns ins Büro, sondern wir kommunizieren per Telefon oder E-Mail. Die Leute fotografieren oder scannen ihre Dokumente und laden sie hoch. Unsere Mandanten finden das gut. Anderen potentiellen Mandanten, die lieber jemanden vor Ort hätten und ihn auch besuchen möchten, empfehlen wir einen anderen Anwalt. Wir haben einen bestimmten Stil, der aber denjenigen, die sich auf diese Art der Beratung und Betreuung einlassen, sehr gut gefällt.

Aber wenn ich mit dem Telefonservice spreche und meinen Anwalt nur für die juristische Fachfrage ans Telefon bekomme: Geht da nicht das persönliche Vertrauensverhältnis zum Anwalt verloren?

Interessanterweise nicht. Wir haben jedenfalls noch kein derartiges Feedback erhalten. Also wir haben natürlich Leute, die nicht zu uns kommen. Sie hören sich unser Angebot an und dann entscheiden sie, dass sie das nicht machen möchten. Das ist völlig okay. Die Menschen, die uns mandatieren, finden es gut, dass wir offen mit ihnen kommunizieren. Sie entwickeln Vertrauen dazu, dass jemand da ist, der ihnen zuhört und auch dafür sorgt, dass stets die richtige Ressource zur Verfügung steht. Ich glaube, die Menschen verstehen das Konzept auch. Sie verstehen, dass es im Gespräch mit ihrem Anwalt vielleicht nicht sinnvoll ist, ihn mit ihren Emotionen “vollzuladen”.
Die Frage, ob nicht der Anwalt alles selber machen muss, ist ein bisschen der Gedanke, dass der Anwalt tatsächlich alles macht, ohne dass klar wäre, wie eigentlich. Dabei ist doch die Frage, ob wirklich alles, was der Anwalt machen kann, auch zwingend von ihm übernommen werden muss. Der Erfolg von Legal Tech ist ja gerade, dass man aus der anwaltlichen Tätigkeit, dieser “black box”, die Tätigkeiten herauslöst, die man standardisieren kann, für die man kein Anwalt sein muss. Die Sorgen einiger Anwälte, dass dadurch ein Teil ihrer Tätigkeit, mit dem sie gut Geld verdient haben, verloren geht, muss man ernst nehmen. Gleichzeitig muss man aber auch festhalten, dass der Einzelne nicht nur deshalb Anwalt oder Notar geworden ist, um permanent irgendwelche Unterschriften zu beglaubigen.


Die auszugsweise Transkription der achten Folge TalkingLegalTech mit Markus Hartung endet bereits

hier. Höre Dir hier die ganze Folge an.


 

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